Die Geschichte der grünen Ameise

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STERNCHEN

Die Geschichte der grünen Ameise

Beitrag von STERNCHEN » 29.01.2008, 12:45

DIE GESCHICHTE VON DER GRÜNEN AMEISE


Es lebte einmal eine grüne Ameise. Niemand wusste, woher sie kam und wohin sie später ging. Es war auch unwichtig. Wichtig war es, dass es sie mal gab. Sie hatte wunderbare Dinge entstehen lassen.
Wie sah sie denn aus? Nun, sie war etwas größer als ihresgleichen, mit dem schimmernden smaragdgrünen Körper und langen Beinchen. Sie hatte lange Fühler am Kopf, damit nahm sie alles wahr, was in der Umgebung und in der Welt geschah. Sie sah mit den Augen und hörte mit den Ohren.
Sie sah auch mit ihrem Herzen. Sie sah Bilder damit – wunderschöne und traurige, bewegende und beruhigende Bilder. Bilder von nah und fern. Sie konnte diese Bilder auch entstehen lassen. Sie träumte dann. Es war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen – sich es auf dem Ast von der alten Zirbelkiefer gemütlich zu machen und zu träumen. Wovon träumte sie denn? Von vielen schönen Dingen. Aber alles der Reihe nach.
Die grüne Ameise sitzt auf einem Zweig von der alten Zirbelkiefer, die vom Waldvolk Arve genannt wird, und genießt die Sonnenstrahlen. Die alte Arve ist groß.
Ihre Nadeln leuchten in der Sonne smaragdgrün bis türkisblau, man konnte sie von weit her sehen. Sie wuchs mitten auf einer kleinen Lichtung, umgeben von den anderen Zirbelkiefern, Lärchen, Ebereschen, Birken, Waldbeeren- und Himbeerensträuchern. Die Lichtung war mit unzähligen Gräsern, Kräutern und Moos bewachsen, die einen lebendigen, samtweichen Teppich bildeten. Die Blüten in allen möglichen Formen und Farbtönen schmückten diesen Teppich und verströmten ein feines Honigaroma. Je nach Sonnenstand und Windrichtung veränderte sich dieses Bild im Laufe des Tages mehrmals. Wie die Wellen auf dem Meer schaukelten alle Pflanzen im Eintakt mit.
Solch eine Farbenpracht machte die Lichtung einzigartig.
Die grüne Ameise sah dies und freute sich. „Wie wunderschön das ist!“, dachte sie.
Sie hörte auch das Summen und das Zirpen, das Rascheln und das Gezwitscher um sich herum. Es waren emsige Bienen und Hummeln, die Nektar und feinsten Blütenstaub sammelten, Grashüpfer und allerlei Käfer, Fliegen, Schmetterlinge und Ameisen, Raupen und Schnecken, Spinnen – all die kleinen Tierchen, die im Gras heimisch waren, und für reges Leben auf der Lichtung sorgten. Es waren auch Vögel auf den Bäumen und in den Sträucher, die morgens bis abends zwitscherten - morgens alle weckten und abends Wiegelieder sangen. Dabei waren auch größere Tiere – Igel und Dachs, Hase und Fuchs, Eichhörnchen und Mader, Elche und Rehe, Bären und Wölfe, Wildschwein und Luchs – die auf der kleinen Lichtung und außerhalb davon den Wald besiedelten.
Sie sah tief in den Boden hinein und entdeckte dort auch reges Leben. Maulwurf und Wühlmäuse, Regenwürmer und Asseln, ganz kleine Tierchen und Lebewesen in Scharen. Sie bohrten Gänge unter der Erde und im Boden, verarbeiteten Reste von abgestorbenen Pflanzen und toten Tieren, bereiteten die Nahrung für die Pflanzen vor – rund um die Uhr sorgten sie für Ordnung unter wie auf dem Boden. Durch unzählige Gänge oder Poren gelangten Luft und Wasser von oben durch den Boden unter die Erde. Sie atmete tief und ruhig. Ein und aus, ein und aus…
„Das ist gut.“, dachte die grüne Ameise und atmete mit der Erde mit.
Die Bäume atmeten den Sauerstoff aus, die Blumen dufteten, das Moos saugte Regenwasser auf und speicherte es ab.
Das Wasser floss unter der Erde und sprang mit vielen Quellen aus dem Boden heraus. Kristallklar glitzerte es mit unzähligen Perlchen in der Sonne und lud zum Trinken und Abkühlen ein. Kleine Bäche rannen mit klingenden Geräuschen und mündeten in einen großen See hinter der großen Lichtung ein. Bunte Kieselsteinchen und goldener Sand schimmerten in den Sonnenstrahlen auf dem Seeboden.
Kleine und große Fische, quakende Frösche, summende Libellen in allen möglichen Farben und Größen, schneeweiße Wasserlilien und hellgrüne Wasserlinsen, allerlei Wassertierchen fanden im großen See ihr Zuhause. Zusammen mit den anderen Tieren von den beiden Lichtungen bildeten sie das Waldvolk, welches so einiges erlebt hatte.
Und zwar geschah folgendes…
Die grüne Ameise saß wie immer auf dem Zweig von der alten Arve und träumte.
Sie sah kleine und große Blumen. Die meisten von ihnen öffneten sich morgens beim Sonnenaufgang und schlossen sich abends mit den letzten Sonnenstrahlen wieder. Viele hatten einen ganz anderen Tagesablauf, und öffneten ihre Äugelchen zu den besonderen Stunden. Manche zwinkerten den weiten Sternen im Himmel zu. Die grüne Ameise schmunzelte. Solche Spielchen waren keine Seltenheit – die kleinen Blumen auf der Erde und die großen Sterne im Himmel schienen wohl eine lebhafte Beziehung zu haben.
Sie nahm auf einmal mit ihren Fühlern große Bewegung und Unruhe um sich herum wahr.
„Was ist los?“
Von allen Seiten kamen große und kleine Tiere und Tierchen auf sie zu – sie kamen geflogen, gekrabbelt, gekrochen und gelaufen an. Das Waldvolk versammelte sich auf der kleinen Lichtung. Sie stellten sich in einem riesigen Halbkreis vor der alten Arve auf. Bald gab es keinen Platz mehr, größere Tiere mussten auf der großen Lichtung bleiben. Viele hockten aufeinander. So konnten sie alles besser sehen und hören.
„Bloß nichts verpassen!“ dachten sie und schauten dabei zu der grünen Ameise empor.
Diese beobachtete aufmerksam ihre unzähligen Gäste.
„Ich grüße Euch, ihr Lieben! Freut mich, euch alle hier zu sehen.“ sagte die grüne Ameise. „Gibt es etwas, wobei ich euch helfen kann?“
Eine kleine Ameise trat nach vorne und piepste:
„Wir grüßen dich auch, liebe grüne Ameise! Weißt du, es gab schon lange keinen Regen mehr! Und wir alle leiden darunter – unsere Pflanzen bekommen weniger Wasser, das Moos hat schon alles abgegeben… die Quellen versickern…“ sie stotterte „Morgentau reicht nicht mehr aus, alles trocknet schnell aus. Vögel und Tiere werden unruhig. Irgendwie funktioniert alles nicht so wie immer.“ Die kleine Ameise verstummte und ließ traurig den Kopf hängen. Alle Tiere und Tierchen redeten plötzlich über ihre tagtäglichen Sorgen. Es wurde laut auf der Lichtung.
Die grüne Ameise schaute zu und dachte nach.
Allmählich legte sich die Aufregung unter den kleinen Waldbewohnern. Es wurde ganz still auf der Lichtung und im Wald herum. Alle schauten hoffnungsvoll auf die grüne Ameise. „Was sagt sie wohl jetzt?“
Die grüne Ameise seufzte tief und sprach:
„Ihr wollt den Regen haben. Jeder von Euch. Dann wünscht es Euch doch. Vom ganzen Herzen. Findet Euch alle morgen beim Sonnenaufgang auf der großen Lichtung wieder. Stellt Euch im Kreise auf. Gebt Eure Beinchen, Pfoten, Händchen und Flügel einander – schließt den Kreis. Und wünscht Euch alle gemeinsam den Regen. Wasser für den Boden, für die Wurzel, alle Pflanzen und Tiere, für eure Freunde. Wenn jeder dies aufrichtig und vom ganzen Herzen tut, so wird es regnen.“ Sie verstummte.
Die Tiere schauten sie verwundert an.
„Es ist doch so einfach! Ist es wirklich alles?!“, fragte ein Marienkäfer.
Die grüne Ameise lächelte und nickte mit dem Kopf. Dann schloss sie ihre Augen und machte sich zwischen den Nadeln der alten Arve gemütlich. Sie schimmerten in der Sonne eben so smaragdgrün, dass die grüne Ameise unter denen verschwunden zu sein schien.
Waldbewohner bedankten sich bei der grünen Ameise für den Ratschlag. Sie flogen und krochen, krabbelten und liefen davon, viele voller Hoffnung und zufrieden, manche verwundert und nachdenklich.
Am nächsten Morgen standen alle Tiere und Tierchen – das gesamte Waldvolk - in mehreren Kreisen auf der großen Lichtung. In der Mitte stellten sich die Kleinsten auf, um sie herum je nach der Größe andere Tiere, in immer weiter werdenden Kreisen. Alle waren aufgeregt. Es piepste, summte, klapperte, zwitscherte und brummte aus allen Ecken. Als die Sonne mit ihren Strahlen die größten Tiere im äußersten Kreis berührte und die ganze Lichtung zum Leuchten brachte, verstummte alles auf einmal. Das war das Zeichen. Alle gaben sich ihre Beinchen, Pfoten, Händchen und Flügel.
Die Kreise wurden somit geschlossen. Alle schauten zum Himmel empor und jeder wünschte sich den Regen für die anderen und für sich. So standen sie eine Weile.
Die Sonne stand inzwischen etwas höher über den Baumkronen. Jemand seufzte in einem der Kreise, ihm folgte das Schnaufen von den anderen Seite. Die Zeremonie war zu Ende. Alle Tiere, Vögel, kleine Tierchen schauten sich an. „Danke dir, danke schön!“ ertönte es von allen Seiten. „Danke an uns alle, die das getan haben!“
Zufrieden und hoffnungsvoll lösten die Waldbewohner die Kreise auf und machten sich auf ihre Wege, jeder zu seiner tagtäglichen Beschäftigung. Jeder zu sich nach Hause.
Drei Tage vergingen. Es hatte immer noch nicht geregnet. Vor der alten Arve standen der Marienkäfer, die kleine Ameise und der große Bär.
„Wie lange dauert es denn noch? Es hat immer noch nicht geregnet.“ Die kleine Ameise schien regelrecht empört zu sein.
Die grüne Ameise schaute hoch zu dem Himmel, dann zu den Freunden nach unten:
„Geduldet. Alles im Leben braucht seine Zeit. Ihr habt das Wichtigste getan – Euren gemeinsamen Wunsch losgeschickt. Er wird schon in Erfüllung gehen. Geht Euren gewöhnlichen Beschäftigungen nach, so vergeht die Wartezeit schneller.“
Die grüne Ameise lächelte und schaute die Freunde an. Die kleine Ameise seufzte tief und bewegte ihre Fühler. Mit so einer Antwort hatte sie wohl nicht gerechnet. Der große Bär kratzte sich am Hinterkopf. Der Marienkäfer rieb sich die Beinchen und sagte schließlich:
„Danke dir, grüne Ameise. Bis demnächst mal.“
Mit diesen Worte verließen alle drei die kleine Lichtung.
Die grüne Ameise lächelte immer noch. Sie schaute erneut zu dem Himmel empor.
Der Wind blies kräftig. Eine große blaue Regenwolke zog tief und schwer über dem Wald. Die ersten Tropfen fielen herunter. Die grüne Ameise krabbelte in Richtung Baumstamm, zu der Ritze in der Rinde, wo sie es sich gemütlich machte. Da war es trocken und warm. Gerade noch geschafft, denn es wurden immer mehr und immer dickere Tropfen.
Die grüne Ameise schloss ihre Augen und träumte. Sie sah Bilder – Bilder vom Regen, von dem Boden und Pflanzen.
Draußen im Wald und über dem See plätscherte es noch kräftiger, und bald goss es richtig in Strömen.
Das Wasser fiel herunter, spülte auf dem Wege zum Boden Blätter, Nadeln, Gras und Blumen ab. Durch die feinsten Öffnungen im Boden sickerte es weiter nach unten durch. Es verteilte sich überall in den kleinsten Gängen, die von den Regenwürmern und anderen kleinen Tierchen gebaut wurden.
Das Moos saugte das Wasser gierig wie ein Schwamm auf. Später, wenn es wieder trocken sein sollte, gab es die Feuchtigkeit an die Luft und Tiere ab.
Die Erde dampfte – so trocken war der Boden. Das herunterfallende Wasser löschte dessen Durst. Allerlei Samen, die im Boden lagen, quollen und bereiteten sich zum Sprießen vor.
Die grüne Ameise sah das alles und dachte: „Oh, wie wunderschön!“
Der Marienkäfer versteckte sich unter einem alten Fliegenpilz und rieb sich zufrieden die Beinchen.
Die kleine Ameise saß in ihrem Ameisenhaufen und betrachtete nachdenklich den Regen durch eine winzige Öffnung in der Seitenwand.
Das Waldvolk war still und wartete geduldig, bis der Regen vorbei war.
Es regnete mehrere Stunden, bis alles im und unter dem Boden genug Wasser bekommen hatte.
Danach kam die Sonne. Sie wärmte und trocknete alles wieder. Dann krochen alle Waldbewohner aus ihren Verstecken ans Licht heraus. Sie freuten sich sehr. Es hat doch mit den Regen geklappt. Und mit dem gemeinsamen Wünschen. Wie einfach das war! Vom ganzen Herzen wünschen und geduldig warten. Auf so was muss man ja erst kommen.
Die kleine Ameise stand wieder vor der alten Arve. Sie begrüßte die grüne Ameise.
„Es tut mir leid, dass wir gezweifelt haben.“ – die kleine Ameise war etwas verlegen.
„Ist schon in Ordnung. Wichtig ist, Ihr habt es gelernt – alles auf der Erde erfordert etwas Ausdauer und Ruhe. Und gemeinsam seid Ihr stark genug, um Eure Wünsche zu verwirklichen.“ – die grüne Ameise streckte sich und lachte vor Freude.
Die kleine Ameise strahlte, sprang vor Freude in die Luft, machte einen Salto und plumpste dem Marienkäfer auf dem Rücken. Dieser flog gerade tief über der Lichtung. „Hey, nicht so wild hier!“ brummte er, schmunzelte dann aber auch.
Abends beim Sonnenuntergang feierte das gesamte Waldvolk den Regen und die Sonne und einfach das schöne Leben. Es summte, zwitscherte, tanzte, flatterte, schimmerte, brummte und sauste um die Wette. Auf der großen Lichtung und auf dem See war etwas los. So herrlich hatten die Waldbewohner noch nie gefeiert. Groß und klein, Tiere, Vögel, kleine Tierchen, Fische und allerlei fliegendes und krabbelndes Volk freuten sich über den gemeinsamen Erfolg.
Die Glühwürmchen sorgten für eine einzigartige Beleuchtung. Sie bildeten im Gras, in der Luft und über dem See wunderschöne filigrane Muster. Ab und zu wechselten sie diese zu den neuen, noch schöneren Bildern. Keines hatten sie dabei wiederholt.
Es war ein erstklassiges Feuerwerk.
Die Vögel zwitscherten und sangen dazu so lieblich, dass die Sterne weinten.
Die Blumen schaukelten im Takt zum Vogelgesang. Ihr wohltuend erfrischender Duft füllte die Luft ringsum.
Es gab allerlei Leckereien zum Naschen – saftige rote, orangene und blaue Beeren, Blütennektar und Honig von den emsigen Bienchen, Haselnüsse, Walnüsse und Nüsse von den Zirbelkiefern, liebevoll von den Eichhörnchen gesammelt und geknackt, Pilze und Äpfel von der Igelfamilie, Kräuter und Gemüse von den Hasen, Samen von den Vögeln, Plätzchen und frisches Quellwasser. Jeder fand etwas für sich. So aufmerksam und zuvorkommend gegenseitig waren sie noch nie. Und alle miteinander waren sie glücklich und zufrieden.
Die grüne Ameise saß auf der Spitze von der alten Arve und beobachtete die Feier. Sie freute sich für die Waldbewohner. Etwas bereitete ihr aber ein wenig Sorgen.
„Grüne Ameise, wo bist du? Warum feierst du nicht mit?“ – die kleine Ameise wollte unbedingt, dass die grüne Ameise an der gemeinsamen Feier teilnimmt.
Die grüne Ameise schaute noch einmal zur großen Lichtung. Danach krabbelte sie nach unten zu der kleinen Ameise.
„Ich freue mich mit Euch. Ich kann alles von der Spitze der alten Arve aus beobachten. Es ist eine wunderschöne Feier. Da habt ihr Euch alle viel Mühe gegeben! Es ist lieb von dir, mich einzuladen. Danke, dass du an mich gedacht hast. Ich bleibe lieber hier und denke bisschen nach. Ist das in Ordnung? Feiert schön und denkt an das Ausruhen danach. Vielleicht komme ich Euch in den nächsten Tagen besuchen.“
Die kleine Ameise war damit einverstanden. Sie sauste zufrieden davon, denn sie freute sich schon auf den Besuch von der grünen Ameise. Das muss sie unbedingt ihren Freunden erzählen!
Die grüne Ameise sah wieder Bilder. Diesmal waren es keine schönen Bilder. Eher traurige. Es war das, was ihr ein wenig Sorgen bereitete. Die grüne Ameise suchte danach, warum der Regen so lange ausgeblieben war und warum es alles anders funktionierte. Dabei entdeckte sie erschreckende Sachen.
Etwas weiter von der Heimat der Waldbewohnern – beiden Lichtungen und dem See - befand sich ein kleines Dorf. Dort lebten hauptsächlich ältere Leute, wenig junge Menschen und kaum Kinder. Jede Familie hatte einen großen Garten, wo viele Obstbäumchen und verschiedene Sträucher wuchsen. Auf den Wiesen gab es schöne Blumen. Die Gärten waren von den grünen Hecken umzäunt. Dort lebten viele Vögel, auch welche aus dem Wald. Die Dorfbewohner verbrachten die Tage beim emsigen Werken – auf den Wiesen Heu wenden, im Wald Beeren und Pilze sammeln, Holzbesteck und Geschirr schnitzen, Körbe flechten, Wolle färben und spinnen, Stoffe weben, daraus Kleidung nähen und sie verzieren. Das alles machte den Menschen im Dorf so viel Freude, dass sie nichts anderes in ihrem Leben tun wollten. Nur waren sie manchmal traurig, denn es gab so wenig junge Menschen im Dorf. Und somit wenig Kinder. Und Kinder waren das beste! So fröhlich und mit so vielen Ideen gab es niemanden mehr. Die Dorfbewohner wünschten sich oft mehr junge Leute im Dorf.
Noch weiter weg von diesem Dorf entfernt gab es große Städte mit rauchenden Fabriken und Werken, breiten Straßen und lauten Autos. In diesen Städten wohnten auch Menschen. Sie wohnten in kleinen zugebauten Räumchen, die sich in den großen und hohen Gebäuden befanden. Sie hatten keine Quellen mit kristallklarem Wasser zum Trinken und Waschen. Stattdessen wurden lange Röhre und Kanäle gelegt. Das wasser wurde tief aus dem Boden gepumpt. Es war sehr teuer. Dafür mussten viele kleine Tierchen im Boden sterben. Es gab auch keine Glühwürmchen. Viele Menschen gingen sehr spät schlafen und brauchten deswegen viel künstliches Licht. Es kam durch die dünne Drähte und wurde Strom genannt. Um diesen Strom zu gewinnen wurden große schwere Anlagen gebaut. Dafür mussten viele Wälder mit ihren Bewohnern sterben.
Die Straßen in diesen Städten wurden mit einer Masse versiegelt. Darauf wuchs kein Gras und keine Blumen. Hummeln und Schmetterlinge konnten dadurch dort kaum überleben. Es gab nur wenig Bäume und Sträucher für die Vögel. Die Luft war voll von Ruß und Abgasen. Dichte Wolken bedeckten den Himmel. Die Sterne waren kaum zu sehen. Und wenn sie zu sehen waren, so schenkte ihnen kaum jemand von den Menschen Beachtung. Das machte die Sterne traurig. Denn sie leuchteten auch für die Menschen.
Die Menschen hatten selten Zeit. Meistens rannten sie um die Wette zu irgendwelchen für sie wichtigen Sachen. Viele von ihnen waren krank. Sie alle hatten viele Sorgen. Sie mussten Geld verdienen, um damit das Wasser aus den Röhren und den Strom aus den Drähten zu bezahlen. Sie hatten weder saftige leckere Waldbeeren noch Pilze. Auch keine Kräuter. Nur wenige von ihnen durften einen winzigen Garten haben, wo etwas bisschen von anderen Beeren und Gemüse wuchs. Stattdessen mussten sie gegen Geld viel Nahrung kaufen. Diese Nahrung gab es in den großen und kleinen Geschäften. Sie wurde von weit her gebracht. Mit großen Lastwagen, die durch die breiten Strassen fuhren. Diese Wagen verloren besonders viel Abgasen. Beim Fahren kamen viele Bienen und Hummeln ums Leben. Sie flogen gegen dicke Scheiben am Wagen und platzten.
Die Fabriken und Werke stellten Autos und Nahrung her. Auch viele andere Dinge, welche die Menschen unbedingt haben wollten. Dabei entstand viel Abfall und mit Giftstoffen verunreinigtes Abwasser. Die speziell gebauten Kläranlagen und Mülldeponien konnten manche Stoffe nicht ganz verarbeiten. So gelangten diese in die Flüsse und den Boden, auch in die Luft. Es war schlecht für die ganzen Tiere und Tierchen, Fische und Pflanzen, Vögel, die überall lebten. Viele wurden davon krank, manche mussten sterben oder auswandern.
Die grüne Ameise zitterte. Sie weinte. Solche Bilder hatte sie noch nie gesehen. „Wie kann man diesen Menschen helfen?“. Sie dachte lange nach…
An einem sonnigen Morgen einige Tage später machte sich die grüne Ameise auf den Weg um ihre Freunde auf der großen Lichtung zu besuchen. Auf einmal hörte sie jemanden singen. Es war ein kleines Mädchen. Es sammelte Beeren in sein Körbchen und sang dabei Lieder. Es sang von der Sonne, von den Beeren, von den Bienen und Blumen. Die grüne Ameise blieb stehen und lauschte dem Gesang. Das kleine Mädchen blieb auch wie angewurzelt stehen. Es hatte nämlich die grüne Ameise entdeckt.
„Wer bist du denn?“ – das kleine Mädchen machte große Augen und den Mund auf.
„Guten Morgen, kleines Mädchen!“. Die grüne Ameise lächelte freundlich.
„Oje, natürlich, guten Morgen auch! Hab ganz vergessen!“ das kleine Mädchen staunte immer noch. „Bist du etwa die grüne Ameise? Mein Opa hat mir Märchen von dir erzählt. Und die Oma immer dabei gesagt, es gibt dich ja nicht. Und dich gibt es doch. Das erzähl ich ihr aber!“
„Klar gibt es mich. Du siehst mich doch. Du kannst mich auch berühren, wenn du magst.“ Der grünen Ameise schien diese Begegnung Spaß zu bereiten.
Das kleine Mädchen streckte sein Händchen zur grünen Ameise. Diese krabbelte darauf und machte sich auf der kleinen Handfläche gemütlich.
„Wo gehst du denn hin? Ich kann dich überall hin bringen. Wo du nur willst.“ Das kleine Mädchen strahlte vor Freude. Es war stolz auf seine Entdeckung.
„Ich gehe Freunde auf der großen Lichtung besuchen. Da, hinter diesen Zirbelkiefern.“
„Dann nichts wie los!“
Das kleine Mädchen ging vorsichtig zur großen Lichtung. Unterwegs erzählte es der grünen Ameise von ihren Großeltern und von ihrem Leben. Das kleine Mädchen hatte ihre Eltern früh verloren. Seitdem lebte sie mit ihren Großeltern am Dorfrand. In einem kleinem Holzhäuschen, fast im Wald schon. Es lief oft in den Wald und sammelte Beeren für den Kuchen. Oder Kräuter zum Heilen.
„Für den besten Kuchen von meiner Oma. Wenn ich groß bin, werde ich auch so einen Kuchen backen! Ohne Hilfe, ganz allein!“
„Opa hat manchmal Schmerzen im Rücken. Da hilft so ein Kräutchen. Oma macht dann einen Umschlag für ihn. Und ich sammle so verschiedene Kräuter. Aus dem Dorf kommen alle zu meiner Oma. Sie weiß nämlich, welches Kräutchen bei welchen Krankheiten hilft. Sie erzählt mir dann das. Ich kann dann irgendwann das auch, wie sie, Menschen von den Krankheiten und Schmerzen befreien!“ Es sprudelte aus dem kleinen Mädchen hervor. Es war offensichtlich froh, einen aufmerksamen Zuhörer gefunden zu haben. Die grüne Ameise hörte nämlich aufmerksam zu und lächelte.
Sie freute sich über diese überraschende Bekanntschaft.
Bald waren sie an Ort und Stelle. Die grüne Ameise bedankte sich bei dem kleinen Mädchen und krabbelte zu dem großen Ameisehaufen. Das kleine Mädchen schaute eine Weile zu, und dachte nach. Es hatte vor einigen Tagen beim Sonnenuntergang außergewöhnliche Lichter gesehen und Vögel besonders schön zwitschern gehört. Der Opa erzählte dann das Märchen von dem Regen. Wie das Waldvolk ihn gemeinsam herbeigezaubert hatte. Und wie die grüne Ameise dazu geraten hatte. „Es gibt sie wirklich, unglaublich! Alles wahr gewesen!“
Das kleine Mädchen seufzte tief und ging erfreut nach Hause.

„Opa, was glaubst du, wen ich eben im Wald gesehen hab?!“ Die Augen des kleinen Mädchens leuchteten. „Die Grüne Ameise!“
Der Opa blieb wortlos. Die Oma dagegen schlug ihre Hände über dem Kopf.
„Na ja, wenn man so wenig Beeren aus dem Wald mitbringt, lässt man sich ja so einiges einfallen.“ Sie lächelte und streichelte das kleine Mädchen über den Kopf.
„Aber nein doch! Ich habe sie wirklich gesehen! Und sogar mit ihr gesprochen. Sie besucht grade ihre Freunde auf der großen Lichtung. Hinter dem See!“
Jetzt lächelte der Opa und die Oma setzte sich vor lauter Schrecken auf die Holzbank.
Dann wurde der Opa wieder ernst und fragte das kleine Mädchen, wie es denn alles genau war. Es erzählte bis ins kleinste Detail. Dabei freute es sich sehr.
Die Oma saß immer noch auf der Holzbank. Sie starrte das kleine Mädchen an.
„Ist schon gut, Oma. Beruhige dich bitte. Sie tut doch nichts. Sie ist sehr nett.“
Oma schüttelte mit dem Kopf, stand auf und machte sich zum Kuchen backen auf. Ab und zu schüttelte sie immer noch mit dem Kopf, als ob sie es nicht glauben konnte.

Der Opa redete lange mit dem kleinen Mädchen. Sie redeten über die grüne Ameise, über das Dorfleben und ihre Sorgen. Neulich hatte ein Nachbar etwas Seltsames erzählt. Irgendwelche Leute aus der großen Stadt wollten in der Nähe vom Dorf etwas Riesiges aufbauen. So was, wo man viele Dinge kaufen kann, auch Nahrung und Kleidung. Wo die jungen Leute sich amüsieren könnten. Das sollte eben viele junge Leute anlocken. Da könnte man viel Geld verdienen. So sprachen und versprachen die Geschäftsleute aus der großen Stadt. Nur müsste man dann den Wald wegnehmen dafür. Eben die Bäume fällen, Pflanzen ausrotten, Tiere und Vögel verjagen, den See trocken legen. Stattdessen ein riesiges Gebäude in modernster Technik bauen, einen künstlichen Hallenbad mit Brunnen dazu, mit fremdländischen Pflanzen.
Der Nachbar wusste nun nicht, wem das alles nützen sollte im Dorf. Außer, es würden tatsächlich viele junge Menschen hierhin ziehen.
Der Opa war traurig über diese Nachrichten. Das bedeutete, dass alle Waldbewohner ihre Heimat verlieren würden oder gar sterben. Er dachte seit diesem Gespräch viel nach.
Das kleine Mädchen hörte aufmerksam zu und runzelte dabei die Stirn.
„Ich weiß was. Ich gehe zu der grünen Ameise. Sie hat ja den Tieren geholfen. So hilft sie uns auch. Bestimmt!“ Es stand entschlossen da und schaute die beiden Erwachsenen ernst an.
Die Oma wollte etwas erwidern. Der Opa winkte aber mit der Hand. Das kleine Mädchen durfte gehen. „Vielleicht funktioniert es.“ Die Großeltern warteten hoffnungsvoll in der kleinen Holzhütte am Waldrand.
Das kleine Mädchen saß vor der alten Arve und hörte der grünen Ameise aufmerksam zu. Sie redeten ganz lange. Das kleine Mädchen erzählte der grünen Ameise über die Pläne der Geschäftsleute aus der großen Stadt. Die grüne Ameise berichtete von den Sorgen der vielen Menschen in dieser großen Stadt. Die beiden wussten bereits eine Lösung. Die Hilfe der Wald- und Dorfbewohner war auch gesichert.
„Jeder nimmt einen Zapfen von der alten Arve und pflanzt bei sich im Garten die Samen daraus. Die Menschen, die keinen Garten haben, tun dies in ihrer Stadt, den Straßen entlang. Am Flussufer und um die Gebäuden herum. Die Samen der Alten Arve bringen wunderbare Zirbelkiefer hervor. Sie werden groß und kräftig sein. Sie werden Luft reinigen, ein Zuhause vielen Vögeln und Tieren, sowie den kleinen Tierchen, bieten.
Die neuen Samen – Nüsse der Zirbelkiefer – werden die Menschen nähren. Sie werden die Menschen heilen. Die Menschen werden begreifen, wozu die Wälder da sind, wozu Tiere und Vögel, Pflanzen und die kleinsten Lebewesen, wozu Sterne im Himmel, Wasser auf und unter der Erde da sind. Und wie sie alle zusammen ein lebendiges atmendes Organismus bilden. Das Leben. Und wie wunderschön all das ist. Dann werden die Menschen Wälder und Gärten wieder pflanzen. Es wird genug Lebensmittel für alle geben. Genug frisches kristallklares Wasser zum Trinken und Waschen. Genug Platz und Raum für alle zum Leben. All die Werke und Fabriken verschwinden. Da, wo es einst Gift und Unrat war, wachsen Bäume und Büsche, fließt klares Wasser, singen Vögeln, duften und schaukeln Blumen, krabbeln und wuseln allerlei Käfer und Tierchen, summen emsige Bienen und Hummeln. Die Menschen werden gesund und glücklich sein. Sie tun das, was ihr Herz begehrt. Es ist wunderschön!“
Die grüne Ameise strahlte vor Freude und Glück. „Es wird so sein!“
Alle zusammen wünschen sich das die Waldbewohner, die Dorfbewohner, die Stadtbewohner, die Erdbewohner. Und wenn sie das vom ganzen Herzen aufrichtig tun, so wird es bald geschehen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jeden Augenblick.
Die grüne Ameise krabbelt hoch zu der Spitze der alten Arve. Dort angelangt, schaut sie noch einmal nach unten zu den Waldbewohnern, zu der kleinen Holzhütte am Waldrand. „Lebt wohl, ihr Lieben“, flüstert sie. Danach schaut sie in den abendlichen Himmel, zu den weiten Sternen.
Am nächsten Morgen steht das kleine Mädchen vor der alten Arve und weint.
Es freut sich und ist traurig zugleich. Es freut sich, denn die Menschen haben die Zirbelkiefer gepflanzt. Traurig ist es, denn es hat die grüne Ameise nicht mehr gefunden.
Sie ist weg. Niemand weiß, wo sie ist. Das kleine Mädchen schaut nach oben. Dort an der Spitze von der alten Arve leuchtet etwas in der Sonne.
Es ist ein großer kristallklarer Tropfen Harz, welcher in den Sonnenstrahlen smaragdgrün schimmert.
„Vielen dank, liebe grüne Ameise. Ich werde immer an dich denken! “- das kleine Mädchen winkt in den Himmel. Es weiß genau, irgendwo auf einem der Sterne lebt die grüne Ameise und denkt auch an ihre Freunde auf der Erde.

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Günther Montag
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Re: Die Geschichte der grünen Ameise

Beitrag von Günther Montag » 08.10.2015, 13:41

danke!!!
liebe Grüße von Günther

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